Wesen und Besonderheiten aus der Sicht einer Züchterin

Wer aufgrund seines Aussehens und seiner geringen Körpergröße glaubt, der Tibet Spaniel sei ein typischer Schoßhund, der irrt sich. Der Tibet Spaniel ist ein grosser Hund in einem kleinen Körper, der in seiner Art sehr natürlich geblieben ist und an dem auch äußerlich so manche Übertreibungen moderner Rassehundezucht spurlos vorübergegangen sind.

Von allen asiatischen / orientalischen Kleinhunden stellt er wohl die Rasse dar, an der im Laufe der Jahrhunderte am wenigsten züchterisch herumgedoktert und verändert wurde. Er sieht noch ziemlich so aus, wie er schon vor Jahrtausenden aussah.

Jahrtausendelanges, enges Zusammenleben mit Menschen hat diese Rasse ebenso geprägt, wie die rauhe Unwirklichkeit und Abgeschiedenheit ihrer Hochgebirgsheimat. Sie ist robust, zäh und gesund und hat scharf entwickelte Sinne. Die Hunde sind intelligent und beobachten stets mit wacher Aufmerksamkeit ihre Umgebung. Ihren Menschen geben sie sich feinfühlig, verständig und durchaus bis zu einem gewissen Grade kooperativ, sofern man ihre besondere Wesensstruktur beachtet und sie sich "verstanden" fühlen, Tibet Spaniel besitzen nämlich soetwas wie ein - vermenschlicht gesprochen - starkes "Gerechtigkeitsgefühl". Sklavische Unterwürfigkeit ist ihnen fremd, denn sie haben durchaus ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Ansichten zu den Dingen, Unbedachte und gewaltsame Erziehungsmaßnahmen sind bei ihnen Fehl am Platz.

Bevor ein Tibet Spaniel sein Herrchen oder Frauchen als "Leittier" anerkennt, führt er einen intelligenten, geduldigen Rangordnungskampf, oft ohne daß dies seinen Menschen sogleich bewußt wird. Dennoch ist es möglich, diesen kleinen eigenwilligen Dickkopf mit durchdachter, gezielter, geduldiger und konsequenter Erziehung zu einem äußerst liebenswerten und sensibel reagierenden Begleiter zu machen, mit dem man regelrecht Dialoge führen kann. Aufgrund seiner Intelligenz und seines guten Gedächtnisses reagiert er oft mit nahezu menschlicher Verständigkeit. Manchmal erscheint es einem geradezu so, als ob diese Hunde eine Art "7. Sinn" besäßen, ihren Bezugspersonen ihre jeweilige Stimmung von den Augen abzulesen, je länger man mit ihnen zusammenlebt, desto besser beherrschen sie es. Ein harmonisches Verhältnis kann sich jedoch nur entwickeln, wenn der Tibet Spaniel gleichberechtigt und in ständigem Kontakt mit seinen Menschen leben und an allen Ereignissen und Handlungen teilhaben darf. Wer den ganzen Tag außer Haus ist, oder seinen Hund in einen einsamen Zwinger sperren will, der sollte die Finger von dieser Rasse lassen. Dagegen ist der Tibet Spaniel sowohl für ältere Menschen, wie auch für Kinder und jüngere Erwachsene, die einen stets munteren, liebenswürdigen, aufmerksamen und wachsamen kleinen Begleithund suchen, eine besonders geeignete Rasse. Seine Munterkeit und Lebenslustigkeit, sein drolliger und ungekünstelter Charme erfreuen die Herzen von Jung und Alt.

Trotz seiner geringen Körpergröße ist der Tibet Spaniel wetterfest. Sein Bewegungsbedürfnis ist zwar von Haus aus kein übertrieben großes, dennoch ist er sportlich und drahtig genug, um auch bei längeren Spaziergängen, Wanderungen, Joggingtouren u.a. Unternehmungen mitzuhalten. Zwischendurch ist er aber auch zufrieden, wenn er zusammengerollt in der Sofaecke liegen und einfach nur dabei sein darf. 

Seine Wachsamkeit ist Legende. Sie liegt ihm im Blut. Hier kann er das Erbe seiner Ahnen nicht verleugnen, denen es oblag, von den Klostermauern herab Wache zu halten und die wesentlich größeren Do Khyi's zu alarmieren, wenn Fremde sich näherten. Wer einen Tibet Spaniel als Hausgenossen hat, kann sich die Alarmanlage ruhigen Gewissens sparen. Am liebsten wählt er sich zum Wachen einen erhöhten Punkt, z.B. eine Mauer, eine Treppe, oder eine Fensterbank aus, um von dort nach "Eindringlingen" Ausschau zu halten. Bestechen läßt er sich dabei nicht. Fremden gegenüber ist er zunächst zurückhaltend, aber nicht aggressiv. Hält man mehrere Tibet Spaniels, so rotten sich diese zusammen und bilden ein erstaunlich effektives Wach- und Abwehrteam. Es ist nicht leicht, ein solches Rudel wachsamer Tibeter, das einen in Bienenschwarmtechnik umringt, abzuschütteln. Sie umringen einen Ankömmling mit ausdauerndem, charakteristischem Warnungsgebell, ohne jedoch ansonsten "Kläffer" zu sein, sie wollen halt nur Bescheid sagen, daß jemand gekommen ist.

Ein Tibet Spaniel kommt auch gut mit anderen Lebewesen aus, seien es Artgenossen oder auch Haustiere, Bekannte und Freunde seiner Familie, oder Kinder. Er ist sehr anpassungsfähig und kann sich sowohl an ein Leben auf dem Lande, als auch in der Stadt gewöhnen.

Tibet Spaniels sind erfinderische Wesen. Besonders in ihrer Jugendzeit sollte man ein wachsames Auge darauf haben, daß sie sich keine destruktiven, oder sonstigen, lästigen Unarten angewöhnen. Viele Tibet Spaniels haben einen scheinbar angeborenen Drang, durch enge Spalten, Löcher u.a. hindurchzuschlüpfen, selbst wenn es auf der anderen Seite nichts zu holen gibt. Wahrscheinlich wollen sie damit nur ihren ungeheuren Neugiertrieb befriedigen. Eine ganze Reihe von Tibet Spaniel Besitzern berichten - genervt oder schmunzelnd, daß ihr Hund seine ganze Energie und Kraft in stundenlanger Arbeit in die Aufgabe stecken kann, einen Zaun zu überqueren, nur um auf der anderen Seite dazusitzen und die Welt von außerhalb des Zaunes zu betrachten. Man möchte fast meinen, ihr Anliegen bestünde nur darin, zu zeigen, daß man drüberkommen kann.

Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich ein Tibet Spaniel und sein Besitzer gründlich mißverstehen, besonders am Anfang ihrer Beziehung und bei Leuten, die erstmals einen solchen Hund erworben haben und mit den Eigenheiten der Rasse noch nicht vertraut sind. Ein Tibet Spaniel pflegt einfach über viele Dinge des täglichen Lebens seine eigenen Ansichten zu haben, wobei es ihm durchaus nicht an einem gewissen Schuß schelmischen Humors zu mangeln scheint. Wird man Eigentümer eines Tibet Spaniels und hat zuvor jahrelang andere Hunde gehalten - etwa Cocker oder Pudel, oder einen anderen leicht rührigen, kooperativen Hund, so tut man sich anfangs schwer. Man muß sich erst innerlich umstellen und manches von dem, was man bisher über Hundeerziehung, Dressur, Führung usw. gelesen und gelernt hat, über Bord werfen können. Zumindest aber sollte man bereit sein, seine bisherige Einstellung zu überdenken und zu modifizieren. Schafft man diesen Schritt, wird man mit einem der verständnisvollsten und treusten Hunde belohnt, die es gibt.

Man darf nie vergessen, welche Funktion die Vorfahren dieser Hunde in ihrer Heimat zu erfüllen hatten. An allererster Stelle stand ihre mythologische, religiöse und symbolische Bedeutung. Im engeren Sinne kann man sie nicht als "Nutzhunde" bezeichnen, wenn man von ihrer Wach- und Alarmfunktion und ihrer Funktion als "Wärmflasche" in den Ärmeln der meditierenden Mönche einmal absieht.

Manche Tibet Spaniels können ihre Eigentümer bisweilen schier an den Rand des Wahnsinns treiben, wenn sie auf einen Zuruf entweder überhaupt nicht reagieren, oder nur bis auf Armeslänge Abstand herankommen, um dann schwanzwedelnd stehenzubleiben. Nie und nimmer darf man ihnen dieses Verhalten als Gehorsamsverweigerung ankreiden und übelnehmen. Der Besitzer eines Tibet Spaniels sollte sich in dieser Situation stets beherrscht, geduldig und freundlich verhalten und bemüht sein, dem Hund ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Er sollte in freundlicher, keinesfalls aber drohender Haltung einen Schritt auf ihn zugehen, ohne ihn dabei anzustarren, sich hinabbeugen und den Hund freundlich auf den Arm nehmen und loben, keinesfalls schimpfen, schreien oder drohen. Viele Tibet Spaniels haben diese Eigentümlichkeit, sich auf gewisse Distanz hinzusetzen, oder hinzulegen, wenn sie gerufen werden.Diese Eigenheit kann man umgehen, indem wir eine feine Futterbelohnung (wie kleine Käsestückchen, Wurst etc) bei uns haben und den Hund so lernen, nahe zu uns zu kommen.Ein guter Appell entscheidet ja, wieviel Freiheit ohne Leine dem Hund gegeben werden kann.  Es geht darum, vom Hund keinen ihm unverständlichen Kadavergehorsam zu verlangen und die vielleicht bisher von anderen Hunden gewohnten Methoden und Vorgehensweisen zu modifizieren. Am besten fährt man, wenn man das Ganze als abwechslungsreiches, intelligentes, herzhaftes Spiel angeht, bei dem wir die Spielregeln festsetzen. 


Etliche Tibet Spaniel Halter, die schon einmal erlebt haben, was so ein erfinderischer kleiner Hund alles anstellen kann, trauen sich nicht ihren Kleinen von der Leine zu lassen. Diese Hunde führen ein bedauerliches Leben als "Nur-Leinen-Hunde". Es ist geradezu eine Beleidigung für diesen freiheitsliebenden Orientalen, dessen Vorfahren in ihrer Heimat niemals Leinen oder Ketten gekannt haben und sich überall frei bewegen durften.
Man kann sehr leicht seinem Tibet Spaniel das Herkommen beibringen, wenn man damit schon beim Welpen und Junghund beginnt. Spielerisch kann man sich auf Spaziergängen immer wieder hinter einem Baum, oder im hohen Gras verstecken, kurz rufen und sich dann von ihm suchen lassen. Dieses "Such-und-Finde-Spiel" macht fast allen Hunden Spaß, auch dem Tibet Spaniel. Die Freude darüber, wieder mit dem geliebten Herrchen, oder Frauchen vereint zu sein ist eine größere Belohnung für ihn, als dafür ein Leckerli zu bekommen.

Am besten kommen die Menschen mit einem Tibet Spaniel zurecht, die ihn gelassen, selbstsicher und konsequent behandeln. Manche Tibet Spaniels, (insbesondere Hündinnen), machen, bevor sie zum "Teenager" heranreifen, eine Art "Scheuheitsphase" durch, in der sie sich vor Allem und Jenem fürchten, was für sie ungewohnt ist. I.d.R. ist diese Phase nur von kurzer Dauer und wächst sich von selbst wieder aus. Normalerweise lieben Tibet Spaniel es, aufregende und spannende Dinge zu erleben und "dabeizusein". Vom Geschehen um sie herum ausgesperrt, oder abgeschirmt zu sein, ist etwas, das sie gar nicht gern mögen. Daher kann man den Tibet Spaniel auch sehr gut auf Reisen mitnehmen, sie dürfen sogar bei vorheriger Anmeldung als Handgepäck mit ins Flugzeug genommen werden.

Tibet Spaniel sind sehr langlebig und werden bei guter Frische und Gesundheit ziemlich alt. Ein alter Tibet Spaniel pflegt unvermindert munter und beweglich zu sein und aktiv am Geschehen seiner Umgebung teilzunehmen.

 


"Schlau wie ein Fuchs, selbständig wie eine Katze, erfinderisch wie ein Affe" - so wird der Tibet Spaniel beschrieben. Seine Freunde und Anhänger schätzen an ihm besonders seine Intelligenz und seinen eigenwilligen Charme. Um mit diesem kleinen asiatischen Aristokraten zurechtzukommen und seine vielen bezaubernden Eigenschaften richtig kennen und schätzen zu lernen, muß man seine Eigenarten respektieren und versuchen zu verstehen, warum sich der Hund so verhält, wie er sich eben verhält.
Diese kleinen originellen Gebirgshunde, die auf verschlungenen Pfaden über Berge, durch Wüsten, vom Dach der Welt entlang der Seidenstraße, als Glücksbringer, Freundschaftsgabe und Schmuggelgut den Weg zu uns ins Abendland gefunden haben, verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden. Sie stellen ein Stück uralten Kulturerbes dar, das es zu bewahren gilt!

Danke an Jutta Block und ihre Skar-Ma Tibetan Spaniels!